Alpha Presse
Take a look at me now - geht mir die textzeile aus einem eagles-lied durch Kopf und Ohr.
Ich habe soeben die neugartenstrasse 32f hinter mir gelassen, hab das neueste buch der alpha press angeschaut – 1985 war sie gestartet mit dem ersten gedichtband „und küsse den tau des granatapfelbaums“ von ralph günther mohnau. Bis heute ist er unermüdlich der zentrale textschöpfer im weiten feld der bücher, die in der alpha presse – über 290 bände in 20 jahren – erschienen sind: take a look at me now – das kann die umtriebige arbeitsgemeinschaft in immer neuer konstellation rund um wol müller mit recht einfordern und legt dieses umfangreiche oeuvreverzeichnis vor. In einer zeit, da book weniger, look um so mehr zählt, gehört die presse zu denen, die von der faszination des formgebildes buch immer noch zu ungewöhnlichen kreationen angetrieben werden. Alpha presse steht nicht für das buch des einen künstlers, der es ganzundgar alleine konzipiert und verfertigt. Wie wol er das zentrum des unterfangens bildet, integriert müller doch von anfang an kreative aus dem bereich literatur (mohnnau) aber auch grafikdesign (ottmar schnee), und schon das zweite buch ist im zusammenspiel mit matthias raue ein aufbruch in die disziplinen übergreifende kooperation . wir-gefühl – bis heute formuliert der protagonist ein spöttisch quasi-kaufmännisches : „wir bieten an...“, wenn er von inhalt und wirkweise der alpha presse – erzeugnisse spricht. Wir-gefühl bedeutet gleichsam „kommunale“ basis für immer neu eingeübtes teamwork, das zu ergebnissen führt. „ballet für großes symphonieorchester mit schlagzeug und synthesizer, originallithographien, serigrafien, monotypien und handeinarbeitungen, das ganze gedruckt auf handgeschöpftem papier – besagtes zweites werk, unter dem titel: an die liebe- zeigt beispielhaft die programmatische absicht, aktion und interaktion zum wesen der alpha presse zu machen. Take a look at me now… ich denke wie abgedroschen alle versuche sind, book und look zu verbinden...wol müller macht das besser, wenn auch nicht erstmals. Aber der combination von book und cook gewinnt er nicht nur das wortspiel ab. Vielmehr mixt er beides handfest und ohrengreiflich. Eine suppe kochen, einen reisbrei kochen, funkwellen abseits klar eingestellter sender, bongos – ein konglomerat von klängen, das, zeitlos, überraschend harmonisch in sich, zu den siebdrucken im wohltuenden kontrast steht. Deren vermeintlich schon gängiges bildwerk zum neuland verkocht. So geraten die rhythmen der vierfarbigen siebdrucke, wie sie farbspuren im semitransparenten übereinander erzeugen, außerhalb ihrer gedanklichen verknüpfungen mit den vorgaben von tachismus und action painting, zu dialogstücken mit tönen und geräuschen, die die augen für neue assoziationen öffnen und die ohren von bruce nauman weg zu den maulbeerpapieren hinführen, auf denen der pinseltänzer wol müller seine ackorde ausschlägt...wenn farbe formation ist, ist ton reformation, ist ihre verdichtung performation. Ist der tanz artikulation, vollführt der pinsel osszilation, weil ihn texte berühren – collection. Sammlung, nichts anderes eigentlich ist des künstlers buch. Es sammelt inhalte, haltung, hält zusammen, was, um es herum aufgeführt, nicht verloren gehen soll. Künstlerbuch ist nichts anderes als mutig erweitertes tagebuch, liederbuch, gebetbuch, logbuch, pflanzenbuch, kochbuch – speziell bei wol müller - , stammbuch, emblembuch, good heavens, good luck, a good book...für den coffeetable aber nur geeignet, wenn es nicht auf ihm präsentiert, sondern den widerstand gegen das, was gesellschaftlich repräsentabel auf ihm bürdet, konterkariert. Wol müller zumal hat das buch zum freiraum verfügt. Was alles an environment und performance im lauf der 60s und 70s künstlerische entdeckung des außersichseins gesteigert hat – alpha presse atmet es aus in installationen und inszenierungen und atmet es wieder ein, zieht es zurück zwischen die sehr natürlich belassenen deckel antibibliophiler gebinde. Das sind keine buchbinderkunststücke, sondern liebevoll umsichtig aufgelesene und zusammengenommene blätter. Die erzählen von naturen von menschen, die es vermögen, immer noch in der umkehr von „leben“ „nebel“ als herausforderung für entdeckung anzunehmen...wir sprechen über das buch und die technik. In der technik des malens und druckens und in der des tanzes fundierte wol müller seine ausbildung. Das war ende der 60er. Alpha press war eigentlich von anfang an ein forum für kombinierte techniken des textschaffens, textvervielfältigens, bilder malens, bilderdruckens, und sehr früh schon des transfers vom innenraum und körper des buchs in den außenraum, in dem sprache und bild und töne überkreuz zum ereignis werden. Die technik der gegenwart, der computer und sein bildschirm, sind längst mit in die arbeit einbezogen, aber nur wenn ein künstlerischer ausdruckwillen das notwendig macht; wenn beispielsweise das auspacken einer harfe aus einer kleidartigen weißen papierhülle – müller liebt und lebt papier! – oder der vorgang des kochens inhalt einer arbeit sind und das bewegte bild verlangen. Umgekehrt klingt es folgerichtig, wenn wol müller erläutert, „mal (er gibt sich gerne beiläufig, wie um „alles fließt“ zum prinzip einer produktion zu erklären, die sich nach gut 20 jahren auf 290 buchwerke beläuft) ein paar haikus zu „machen“ (kann heißen: erschreibt sie, oder verwendet bestehende, zuletzt 2004) und dazu den automaten (wieder so ein schönes ironisches wort, mit dem er noch so moderne computer oder digitalcameras als auch schon frühgeschichtlich apostrophiert) nicht zu brauchen, sondern lieber ein schönes nepalpapier zu bedrucken.
Das künstlerbuch ist in die jahre gekommen, und doch hat es immer noch den unvergleichlichen dopplereffekt von festhalten und in bewegung versetzen, lesen als nach- und als voraussehen , sehen als vor- und als weiterlesen mit einer schier endlosen mixtur von ingredienzien anzureichern. Kunst anstiften, wie es von wol müller ausgeht, wird immer am buch festhalten. Im buch verfestigt sich, was zugleich schon wieder flüchtig und antrieb für ein nächstes wird. Weitere worte, töne, geräusche, aufführungen, mappen, bücher – blätter und blätter und blätter, weiterblättern...
Stefan Soltek, Klingspor Museum, Offenbach, 2005